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ERZIEHUNG ZUR SAUBERKEIT 

Johanna Haarer: „Die Mutter und ihr erstes Kind“ Auflage 1 005 000 bis 1 066 000, 1965, S. 196 – 198

Dazu gehören Geduld und Geschick l Mütter und Kinderärzte haben darüber verschiedene Ansichten. Manche behaupten, man könne nicht früh genug anfangen. Sie halten das wenige Monate alte Kind über ein Töpfchen, und hie und da hört man berichten von Müttern, die viel Zeit haben und die Entleerungen des Kindes genau beobachten können, daß sie schon ums Halbjahr herum keine Windel mehr waschen müssen. Andererseits warnen erfahrene Kinderärzte vor allzu frühen Versuchen und raten, das Kind nicht abzuhalten, ehe es gut sitzen kann und die Wirbel­säule genügend kräftig geworden ist. Die Kinder werden nervös, wenn man sie allzu früh zur Reinlichkeit anhält. Wartet man, bis das Kind schon recht groß ist (älter als ein Jahr!), so soll es dann angeblich sehr rasch begreifen, was von ihm verlangt wird und unter Umständen innerhalb einer Woche ganz sauber werden.
Zuerst kann man nur die Stuhlentleerungen abfangen, denn solange die kindliche Blase noch sehr klein ist, sind die Harnentleerungen in die Windeln zu häufig. Beobachten Sie zunächst, zu welcher Stunde das Kind Stuhl hat. Man erkennt dies daran, daß es „drückt". Meist erfolgen Ent­leerungen unmittelbar nach dem Aufwachen. Bei anderen Kindern besteht ein gewisser Zusammenhang mit den Mahlzeiten, und sie pflegen unmittel­bar vor, während oder nach dem Essen Stuhl zu haben. Der Zeitpunkt des Aufwachens und der Mahlzeit fällt ja auch oft zusammen.
 

Wann beginnen?

 

Wir versuchen nun, das Kind rechtzeitig über ein eigenes kleines Nacht­geschirr „abzuhalten". Praktisch ist ein Töpfchen aus durchsichtigem, unzerbrechlichem und farblosem Material (Plexiglas oder anderem Kunst­stoff). Dann sehen Sie, ob eine Entleerung erfolgt ist oder nicht.
Beginnt man mit dem Abhalten, noch ehe das Kind sitzen kann, so faßt man es von rückwärts an beiden Oberschenkeln und hält es übers Töpfchen. Das Körperchen findet Halt an Ihren Unterarmen. Im Anfang ist es reiner Zufall, wenn die Entleerung ins Töpfchen erfolgt. Sobald das Kind zu pressen beginnt, sagen wir ihm immer den gleichen Laut vor, der eben in der Kinderstube für diese Verrichtung üblich ist — z. B. „a—aa" für Stuhl und „bsch—bsch" für das Brünnlein. Im Lauf der Zeit lernt es dann begreifen, daß diese Laute die Aufforderung zur Entleerung bedeuten.
Kann das Kind schon längere Zeit aufsitzen, so setzen wir es aufs Töpf­chen. Sorgen Sie für einen waschbaren Bodenbelag, um das Kind vor der Berührung mit dem Boden und den Boden vor Verunreinigungen zu schützen. In diesem Alter muß man darauf achten, daß die Kinder kein Möbel in greifbarer Nähe haben, an dem sie sich aufrichten können.
 

Wie beginnen?

 

Die Erziehung zur Reinlichkeit hat nur dann Erfolg, wenn Sie geduldig immer nach der gleichen Weise vorgehen. Die Zeiten dafür sollen täglich dieselben sein. Es ist nicht leicht zu entscheiden, ob Sie das Kind noch einmal später am Abend, einige Stunden nach seiner letzten Mahlzeit, abhalten sollen, etwa bevor Sie selbst zu Bett gehen. Manche Kinder schrei­en dann, können sich lange nicht beruhigen und schlafen nur spät wieder ein. Die Störung des Schlafes bedeutet einen „Schock" für ihr Nerven­system, und Sie werden das Naßliegen während einiger Nachtstunden für das geringere Übel halten. Andere Kinder wieder schlafen so tief, daß sie durch das Abhalten kaum aufwachen. Mit geschlossenen Augen erledigen sie schnell ihr Geschäftchen und schlafen sofort weiter. Man fragt sich, ob man überhaupt anfangen soll, das Kind an eine Entleerung aus dem Schlaf heraus zu gewöhnen, ob man völlige Sauberkeit nicht eher erreicht, wenn man das Abhalten während der Nacht gar nicht erst anfängt.
Im Zimmer muß es ruhig sein, denn das abgelenkte Kind ist zu keiner Entleerung zu bewegen. Es darf auf dem Töpfchen weder spielen noch etwas essen. Deshalb sind die „Kinderstühlchen" nicht günstig, bei denen die Kinder über einem eingebauten Nachtgeschirr sitzengelassen werden und an Kugeln oder Spielzeug tändeln können. Man gewöhnt sie dadurch ans Trödeln. Viele Kinder benützen auch die vorn abgeschlossenen Stühlchen als Turngerät, stecken ihre Beinchen überall hin, und stehen dann plötzlich im Töpfchen drin.
 

Abhalten aus dem Schlaf heraus

 

Die einzelnen „Sitzungen" sollen nicht übermäßig lang ausgedehnt werden, im allgemeinen 10 Minuten. In der kalten Jahreszeit kühlen die Kinder sonst zu sehr aus. Sie werden ungeduldig und weinerlich und bekommen Angst und Widerwillen vor dem Töpfchen. Andererseits läßt man sich durch Geschrei nicht am Töpfchensetzen hindern. 

Dauer des Abhaltens

 

Anfangs werden Sie oft das Kind wieder anziehen müssen, ohne daß das kleine oder große Geschäftchen erledigt wurde — und kurze Zeit darauf sind die Windeln naß oder schmutzig. Aber es hat keinen Zweck, wenn Sie dem Kinde dauernd „nachlaufen". Es lernt dann nicht begreifen, daß Töpfchengehen gewissermaßen eine Pflicht ist, sondern es findet heraus, daß Sie sich auf diese Weise dauernd mit ihm beschäftigen. Das gefällt schon ganz kleinen Kindern recht gut! — Bei der Erziehung zur Reinlich­keit darf man sich niemals zu Aufregung und Zorn hinreißen lassen, sonst wird das Kind ängstlich, es antwortet mit einem gewissen Widerstand auf den Versuch, es zu zwingen, die ganze Sache wird von vornherein verdorben. Dies müssen Sie vermeiden, wenn es auch oft nicht leicht ist, Ruhe und Gleichmut zu bewahren.
Die einzelnen Kinder werden ganz verschieden schnell sauber, bei einigen geht es sehr rasch, bei anderen dauert es lang. Allgemein hört man sagen, daß Mädchen eher rein werden als Buben. Man muß sich auch darauf gefaßt machen, daß es beim schon völlig sauberen Kind Rückschläge gibt und alles mühsam Erreichte wieder verloren erscheint — nämlich wenn Zähne durchbrechen. Es bleibt dann gar nichts übrig, als geduldig wieder von vorn anzufangen. Man muß sich immer wieder vor Augen halten, daß die Entwicklung des Kindes, die geistige sowohl wie die körperliche, ge­wissermaßen ruckweise vonstatten geht. Vieles, worauf man lange vergeb­lich wartet, ist eines Tages plötzlich da. Dies gilt auch hier, und nach langer Mühe ist das Kind eines Tages plötzlich sauber.
 

Ruhig bleiben!

 

Es läßt sich auch nicht angeben, von wann ab das Kind seine Entleerungen vorher anmeldet. Manche Kinder tun dies sehr früh. Sie werden unruhig, rutschen herum, geben Laute von sich, die Sie natürlich rasch verstehen lernen. Dann müssen Sie gut aufpassen! Wenn man diese Ankündigungen nicht beachtet, so unterläßt sie das Kind wieder, und alle Mühe beginnt von neuem.
 

Das Kind meldet" sich

 

 
Es geht auch anders

 

Die so genannten Pyramidenbahnen im Rückenmark, die zur willkürlichen Betätigung der Schließmuskeln an Blase, Harnröhre und After notwendig sind, reifen erst im Zusammenhang mit der Beinbewegung beim Laufenlernen. Also wartet man so lange. So wie das Kind am besten Laufen lernt, wenn wir ihm sein eigenes Tempo des Lernens zubilligen, lernt es auch ohne jeden Druck die Kontrolle der eigenen Ausscheidungen.

 

Im vergangenen Jahrhundert, besonders in der Zeit der Nazi-Herrschaft, aber auch lange hinein in die Zeit der Folgestaaten BRD und DDR haben Mütter gewetteifert, wessen Kind früher "sauber" war und waren stolz, wenn das bereits im Alter von weniger als einem Jahr "erreicht" wurde.

Man muss sich einmal die Not eines Säuglings vorstellen, der den willentlichen Zugriff auf die Schließmuskeln noch gar nicht hat und dann beschimpft wird oder gar anders bestraft, wenn es seinem natürlichen Bedürfnis gefolgt ist und Blase oder Darm entleert hat. Es kann in keiner Weise die Aufregung der Mutter verstehen. Weil das aber immer wieder geschieht, haben die Kinder das Unmögliche möglich gemacht und sind schließlich noch gelobt worden, wenn sie unter Vernachlässigung der eigenen Impulse alle möglichen und unmöglichen Muskeln derart verkrampft haben, dass sie schließlich doch einen Weg gefunden haben, die Ausscheidung zu kontrollieren.

Und das ist teuer erkauft worden! Das Maß an Aufmerksamkeit, den dieser Bereich dadurch erfahren hat, wird später nicht einfach aufgegeben. Das brennt sich tief ein in zentralen Bereichen der Psyche. Die Palette der Spätfolgen ist groß - zwanghafter Sauberkeitswahn, und andere Zwangsneurosen und Geiz auf der einen Seite und ganz viele Unterleibserkrankungen auf der körperlichen Seite als Folge der ständigen überproportionalen Anstrengung.