| Passwort vergessen?
Sie sind nicht angemeldet.  Anmelden

Willkommen in diesem Forum

Zum Buch von Daniel Everett über sein Leben bei den Pirahã
 1
03.02.14 23:26
dlaniar 

Administrator

Zum Buch von Daniel Everett über sein Leben bei den Pirahã

Ich lese gerade tief bewegt in dem Buch von Daniel Everett "Don't Sleep, There are Snakes" mit dem irreführenden deutschen Titel: "Das glücklichste Volk" - Sieben Jahre bei den Pirahã-Indianern am Aazonas.

Ich hoffe, es ist im Interesse des Autors, wenn ich hier in den nächsten Beitägen den gesamten Prolog dieses Buches einfüge und hoffentlich dadurch auch andere Menschen neugierig mache, dieses außergewöhliche Buch zu lesen, in dem der Autor ganz konsequent versucht, das Leben dieser Menschen so wenig wie möglich durch die Brille des europäisch geprägten Amerikaners zu sehen, und der dadurch von diesen Menschen auch akzeptiert wird wie vor ihm kein Westler.

An den Anfang setze ich auch zwei wichtige Zitate aus dem Buch.





Zuletzt bearbeitet am 05.05.14 19:04

03.02.14 23:30
dlaniar 

Administrator

Daniel Everett über sein Leben bei den Pirahã - Prolog

»Schau! Da ist er, Xigagai, der Geist.«
»Ja, ich sehe ihn. Er bedroht uns.«
»Kommt alle her, seht euch Xigagai an! Er ist am Strand!«



Ich erwache aus tiefem Schlaf. Habe ich geträumt oder tatsächlich dieses Gespräch mit angehört? Es ist halb sieben morgens an einem Samstag im August, in der Trockenzeit des Jahres 1980. Die Sonne scheint bereits, es ist aber noch nicht allzu heiß. Eine warme Brise weht vom Maici herauf, dem Fluss vor meiner bescheidenen Hütte, die auf einer Lichtung am Ufer steht. Ich öffne die Augen und sehe über mir das mit Palmwedeln gedeckte Dach, dessen Gelb vom Staub und Ruß vieler Jahre grau geworden ist. Beiderseits meiner Behausung stehen zwei ähnlich gebaute, aber kleinere Hütten der Pirahã (sprich: Pi - da - HAN). Dort wohnen Xahoábisi, Kóhoibiíihíai und ihre Familien.

Schon oft habe ich den Morgen bei den Pirahã erlebt, wenn der schwache Rauchgeruch von ihren Herdfeuern herüberweht und die brasilianische Sonne mein Gesicht wärmt. Ihre Strahlen werden von meinem Moskitonetz gedämpft. Normalerweise lachen die Kinder, spielen Fangen oder weinen lautstark, weil sie gestillt werden wollen. Überall im Dorf hallen die Geräusche wider. Hunde bellen. Wenn ich hier die Augen aufschlage und benommen aus einem Traum in die Wirklichkeit trete, starrt mich häufig ein Pirahã-Kind oder auch ein Erwachsener an. Sie spähen zwischen den paxiuba-Palmenmatten hindurch, die die Seitenwände meiner großen Hütte bilden. Aber heute Morgen ist es anders.

Ich bin jetzt völlig bei Bewusstsein, aufgeweckt durch den Lärm und die Rufe der Pirahã. Ich setze mich auf und sehe mich um. Ungefähr sechs Meter von meinem Lager entfernt, auf der Uferböschung des Maici, hat sich eine Menschenmenge versammelt. Alle schreien und gestikulieren energisch. Sie schauen ans andere Ufer, auf eine Stelle gegenüber von meiner Hütte. Ich stehe auf, um besser sehen zu können - an Schlaf ist bei dem Lärm ohnehin nicht mehr zu denken.

Ich hebe meine Sporthose vom Boden auf und achte genau darauf, dass sich keine Taranteln, Skorpione, Hundertfüßer oder andere unerwünschte Gäste in ihr niedergelassen haben. Ich ziehe sie an, schlüpfe in meine Flipflops und trete aus der Tür. Die Pirahã stehen in lockeren Gruppen gleich rechts von meiner Hütte am Flussufer. Ihre Erregung wächst. Ich sehe, wie Mütter den Weg hinuntereilen, während ihre Kinder sich bemühen, die Brust im Mund zu behalten.

Die Frauen tragen die ärmel- und kragenlosen, halblangen Kleidungsstücke, die sie bei der Arbeit wie auch beim Schlafen anhaben. Von Staub und Rauch sind sie dunkelbraun. Die Männer sind in Turnhosen oder Lendentücher geklei¬det. Keiner von ihnen hat Pfeil und Bogen bei sich - ich bin erleichtert. Kleine Kinder sind nackt, ihre Haut ist ständig den Elementen ausgesetzt und ledrig-braun. Die Babys haben Hornhaut am Gesäß, weil sie dauernd auf dem Boden herum¬rutschen, eine Art der Fortbewegung, die sie aus irgendeinem Grund gegenüber dem Krabbeln bevorzugen. Alle sind fleckig von Asche und Staub, die sich auf ihnen ansammeln, wenn sie schlafen oder auf dem Boden am Feuer sitzen.

Noch ist die Luft zwar feucht, aber nur um die zwanzig Grad warm; gegen Mittag werden es 38 Grad sein. Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen. Dann erkundige ich mich bei Kóhoi, meinem wichtigsten Sprachlehrer, was da los ist. Er steht rechts von mir. Sein kräftiger, schlanker brauner Körper ist angespannt angesichts dessen, was er betrachtet.
»Siehst du ihn nicht da drüben?«, fragt er ungeduldig. »Xigagai, eines der Wesen, die über den Wolken wohnen. Er steht am Strand und schreit uns an, sagt uns, dass er uns töten wird, wenn wir in den Dschungel gehen.«

»Wo?«, frage ich. »Ich kann ihn nicht sehen.«

»Na, genau da«, gibt Kóhoi gereizt zurück und starrt auf die Mitte des offenkundig leeren Strandes.

»Im Dschungel hinter dem Strand?«

»Nein! Da am Strand. Sieh doch!«, erwidert er empört.

Wenn ich mit den Pirahã im Dschungel bin, übersehe ich regelmäßig Tiere, die ihnen auffallen. Meine unerfahrenen Augen sehen einfach nicht so gut wie ihre.

Hier ist es anders. Selbst ich kann erkennen, dass da auf dem weißen, höchstens hundert Meter entfernten Sandstrand nichts ist. Aber so sicher ich mir auch bin, die Pirahã sind sich genauso sicher, dass dort etwas ist. Vielleicht war etwas da, was ich nicht gesehen habe, aber sie bestehen darauf, dass Xigagai auch jetzt noch dort ist.

Immer noch blicken alle zum Strand. Neben mir höre ich Kristene, meine sechsjährige Tochter, sagen: »Was gucken die da alle, Papa?«

»Ich weiß nicht. Ich kann nichts sehen.«

Kris stellt sich auf die Zehenspitzen und schaut über den Fluss. Dann sieht sie mich an. Dann die Pirahã. Sie ist genauso verwirrt wie ich.

Zuletzt bearbeitet am 06.02.14 18:32

03.02.14 23:42
dlaniar 

Administrator

Kristene und ich gehen zurück in unsere Hütte. Was habe ich da gerade miterlebt? Seit jenem Sommermorgen sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, und immer noch bin ich mit einer Frage nicht im Reinen: Was bedeutet es, dass zwei Kulturen, unsere ursprünglich europäische und die der Pirahã, die Realität so unterschiedlich wahrnehmen können? Ich hätte den Pirahã nie beweisen können, dass der Strand leer war. Und ebenso wenig hätten sie mich davon überzeugen können, dass sich dort irgendetwas befand, und erst recht kein Geist.

Für mich als Wissenschaftler ist Objektivität einer der höchsten Werte. Früher glaubte ich, wir müssten uns nur genug Mühe geben, dann könnten wir die Welt genauso sehen wie andere und leichter lernen, fremde Ansichten zu respektieren. Aber wie ich bei den Pirahã erfahren habe, können unsere Erwartungen, unsere Kultur und unsere Erfahrungen dazu führen, dass schon die Wahrnehmung unserer Umwelt über die Kulturgrenzen hinweg sich kaum in Einklang bringen lässt.

Die Pirahã sagen unterschiedliche Sätze, wenn sie abends meine Hütte verlassen und ins Bett gehen. Manchmal erklären sie einfach: »Ich gehe.« Manchmal bedienen sie sich aber auch einer Formulierung, die, so überraschend sie auch anfangs war, zu einer meiner liebsten Arten des Gutenachtsagens geworden ist: »Schlaf nicht, hier gibt es Schlangen.« Die Pirahã sagen das aus zwei Gründen. Erstens glauben sie, dass sie sich durch weniger Schlaf »abhärten« können, was ihnen allen sehr wichtig ist. Zweitens wissen sie, dass sie im Dschungel von Gefahren umgeben sind; wenn sie tief schliefen, wären sie also schutzlos den vielen Raubtieren in der Umgebung ihres Dorfes ausgeliefert. Die Pirahã lachen und reden bis tief in die Nacht. Sie schlafen nie lange am Stück. Ich habe nur selten erlebt, dass es nachts im Dorf einmal völlig still war oder dass jemand mehrere Stunden durchgeschlafen hat. Ich habe im Laufe der Jahre viel von den Pirahã gelernt, aber dies war vielleicht meine Lieblingslektion: Sicher, das Leben ist hart und voller Gefahren. Es kann dazu führen, dass wir von Zeit zu Zeit etwas zu wenig schlafen. Aber es macht auch Spaß. Es geht immer weiter.

Als ich zu den Pirahã kam, war ich 26 Jahre alt. Jetzt bin ich alt genug, um Seniorenvergünstigungen in Anspruch zu nehmen. Ich habe ihnen meine Jugend geschenkt. Ich habe mich viele Male mit Malaria angesteckt. Ich kann mich erinnern, dass Pirahã und andere mehrmals mein Leben bedrohten. Ich habe so viele schwere Kisten, Taschen und Fässer auf dem Rücken durch den Dschungel geschleppt, dass ich mir nicht mehr die Mühe mache, mich an alle zu erinnern. Aber alle meine Enkel kennen die Pirahã. Dass meine Kinder so und nicht anders sind, liegt zum Teil an den Pirahã. Und wenn ich einige dieser alten Männer (sie sind so alt wie ich) ansehe, die einst gedroht haben, mich umzubringen, so erkenne ich in ihnen heute einige meiner engsten Freunde - Männer, die nun ihr Leben für mich aufs Spiel setzen würden.

Über drei Jahrzehnte hinweg habe ich immer wieder bei den Pirahã gelebt und sie studiert. Dieses Buch handelt von dem, was ich dabei gelernt habe. Ich habe getan, was ich konnte, um zu begreifen, wie sie die Welt sehen, verstehen und darüber reden, und ich habe mich bemüht, diese Erkenntnisse meinen Wissenschaftskollegen zu vermitteln. Mein Weg hat mich an viele Orte von verblüffender Schönheit geführt, aber auch in Situationen, die ich lieber vermieden hätte. Dennoch bin ich glücklich, dass ich diese Reise unternommen habe: Sie hat mir kostbare, nützliche Erkenntnisse über Leben, Sprache und Denken geliefert, die ich auf keine andere Weise hätte gewinnen können.



Die Pirahã haben mir gezeigt, dass es Würde und tiefe Zufriedenheit mit sich bringt, wenn man sich ohne den Trost des Himmels und ohne die Angst vor der Hölle mit Leben und Tod auseinandersetzt und dem großen Abgrund mit einem Lächeln entgegengeht. Solche Dinge habe ich von den Pirahã gelernt, und dafür werde ich ihnen dankbar sein, solange ich lebe.

Zuletzt bearbeitet am 05.05.14 19:00

04.02.14 23:40
derda 
Re: Zum Buch von Daniel Everett über sein Leben bei den Pirahã

Ja, leider werden nicht nur am Amazonas indigene Kulturen rücksichtslos zerstört. Und dieses Buch von Everett ist wohl eines, das ein solches Volk liebevoll beschreibt, bevor die sogenannte westliche Kultur auch seine Lebensgrundlage zerstört.

http://gfbvberlin.wordpress.com/2009/11/...ag-auf-sumatra/

http://www.survivalinternational.de/gesc...eneallgemein-de



Reporter: "Mr. Gandhi, what do you think of Western civilization?"
Gandhi: "I think it would be a very good idea."

05.02.14 11:09
dlaniar 

Administrator

Re: Zum Buch von Daniel Everett über sein Leben bei den Pirahã

@derda
Danke für die Links!

Bist du sicher, dass die Betreiber dieser Seiten wissen, was sie tun? Die professionelle Aufmachung gerade der zweiten macht mich skeptisch. Bitte störe meine Vorurteile!

Zitieren:
Die Pirahã haben mir gezeigt, dass es Würde und tiefe Zufriedenheit mit sich bringt, wenn man sich ohne den Trost des Himmels und ohne die Angst vor der Hölle mit Leben und Tod auseinandersetzt und dem großen Abgrund mit einem Lächeln entgegengeht. Solche Dinge habe ich von den Pirahã gelernt, und dafür werde ich ihnen dankbar sein, solange ich lebe.

Everett schreibt nicht, sie hätten ihn dies gelehrt. Das würden diese Menschen wohl auch nie versuchen.


Ich denke, dass ich mit diesem Gedanken die einzelnen Seiten meiner homepage durchforsten könnte, dürfte . . . mit dem Lachen dessen, der lernen möchte auch die Feler mit Lachen korrigieren zu dürfen.

07.02.14 15:25
dlaniar 

Administrator

Ausrottung indigener Völker

Es macht mich traurig, wenn ich mitkriege, dass ein solcher Bericht wie der von Everett oder der von Jean Liedloff nur von wenigen wahrgenommen wird und daneben in vielen Teilen der Welt die Lebensgrundlage ähnlicher Völker brutal zerstört wird.

http://www.afrika.info/newsroom/kenia-ve...h.mFPQ3udy.dpuf

http://www.survivalinternational.de/nachrichten/9885

https://www.regenwald.org/aktion/936/ind...ng-fuer-palmoel



Ja, ja, die Priester der monotheistischen Religionen . . .

und hinterher will es keiner gewesen sein . . .


Dieser Beitrag passt von der Thematik eigentlich besser in den Bereich: Kolonialismus heute - Weltpolitik.
Ich werde es dort als neuen Beitragsstrang einfügen.

Zuletzt bearbeitet am 07.02.14 16:30

 1
durchgeschlafen   auseinandersetzt   Lieblingslektion   paxiuba-Palmenmatten   Lebensgrundlage   Pirahã-Indianern   ng-fuer-palmoel   unterschiedlich   monotheistischen   survivalinternational   unterschiedliche   brasilianische   herum¬rutschen   außergewöhliche   Wissenschaftskollegen   Kleidungsstücke   eneallgemein-de   Wissenschaftler   Seniorenvergünstigungen   Gutenachtsagens